Ich hätte als Kind und Jugendliche nie gedacht, dass so ein Elternsprechtag auch in meinem späteren Leben als erwachsene Person so ein ungut angespanntes Stressgefühl auslösen könnte. Sehr zum Unglück unseres Nachwuchses gehöre ich leider nicht zu den Eltern, die grundsätzlich davon ausgehen, dass ihr Kind in sämtlichen Belangen und immer großartig ist. Tatsächlich gab es in meinem Leben als Mutter Momente, in denen ich das eine oder andere Kind von uns alles andere als großartig fand und sehr gerne auf den Mond geschossen hätte. Oder auf den Mars, aber bei genauerer Betrachtung wollte ich doch lieber erstmal abwarten, ob es Preservance tatsächlich sicher dorthin schafft und welche Erkenntnisse uns dieser Mars-Erforscher wohl liefert. Soweit es bekannt ist, scheint er zumindest noch nicht auf feindliche grüne menschenfressende Aliens gestoßen zu sein, das ist schon mal ganz positiv, eventuell könnte man also den Schuss auf den Mars durchaus in Erwägung ziehen. Manchmal reichte es aber auch, wenn das Kind den Nachmittag über die Oma besuchen durfte.

Ich wäre häufig sehr gerne sehr viel anders, zumindest in Bezug auf das Muttersein, aber offensichtlich komme ich da nicht so recht aus meiner Haut.
Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn ich mich als junge Mutter mit den verschiedenen Erziehungskonzepten auseinandergesetzt hätte. Also….mehr als kurz dieser Artikel auf wewewetolletippsfürtolleelternpunktde-eh, wo man gelandet war, weil man eigentlich wissen wollte, was man gegen Pustelchen im Windelbereich anwenden kann. Nein, vielleicht hätte ein Buch mit echten Seiten es richten können.
Diese Erziehungskonzepte heißen dann auch gar nicht Erziehungskonzepte, weil das Konzept der Erziehung ja an sich schon falsch wäre. Überhaupt hätten mir die Konzepte-Erklärer vorallem gesagt, dass ich es bloß lassen sollte, nach einem Konzept erziehen zu wollen. Dafür hätte ich mich dann auch zu Wochenendseminaren anmelden können. Vielleicht hätte ich nach zweidrei dieser Wochenenden sogar Kurse geben können, wie es andere Eltern hinbekommen, möglichst ohne Konzept, aber dafür umso mehr Zuneigung und Bewunderung ihr Kind im Größerwerden zu begleiten. Genau! Zu begleiten, nicht erziehen!
Auf jeden Fall hätte ich selber es dann vielleicht viel leichter gehabt. Mit der richtigen Grundeinstellung wäre alles super gewesen, wichtiger noch: Dann hätte ich alles an jedem Kind super gefunden, und ich hätte nie herumgemotzt. So hänge ich wohl irgendwo zwischen Jesper Juul (der mit dem kompetenten Kind) und Michael Winterhoff (der mit den Tyrannen) und habe möglicherweise instinktiv aus allen Welten das schlechteste ausgelebt.
Mit den richtigen Ratgebern zu Beginn meiner Mutterschaftslaufbahn wäre ich sicherlich eine Mutter, die gelassen in so einen Elternsprechtag ziehen würde, denn im Zweifel wäre es natürlich die Schuld der Lehrer, weshalb mein großartiges Kind nicht die gewünschten Leistungen erbracht hat oder sich nicht sozialkonform verhält oder dem André immer die Schulmilch über den Kopf schüttet oder überhaupt kein Interesse für binomische Formeln aufbringen kann. Und ganz ehrlich: Es würde ja auch viel mehr Spaß machen, die Lehrermannschaft strammstehen zu lassen und sich seinen Frust von der Seele zu motzen, denn die muss man am Ende des Tages nicht mit nach Hause nehmen. Man könnte sich im Vorfeld Gedanken machen, mit welchen viel zu selten gebrauchten Fäkalausdrücken man das Lehrerteam so richtig runterputzen könnte und wann wohl der richtige Zeitpunkt wäre, pauschal mit „dem Rechtsanwalt“ oder „einer Beschwerde beim Schulamt“ zu drohen. Wahrscheinlich fühlt man sich nach so einer Aktion am Ende des Tages furchtbar mächtig, und man würde wie verrückt von seinen Kindern geliebt, und am Ende gibt es Pizza.
Jetzt hab ich das aber verpasst, das mit den Ratgebern und überhaupt. Jetzt kommt der nächste Elternsprechtag, und trotz allen Wissens darüber, dass das heutige Schulsystem noch aus einer Zeit stammt, in der man Kinder auf ein eher uniformes Leben vorbereiten wollte und nie viel Platz für Individualität war, merke ich, dass ich es im ersten Gefühl doch doof finde, wenn ich mir anhören muss, dass vielleicht ein Kind Schwierigkeiten hat, in den vorgesteckten Rahmen zu passen.
Selbst ohne Ratgeber weiß ich, dass man dann statt am Kind vielleicht etwas am Rahmen herumrücken oder gleich einen neuen Rahmen suchen sollte.
Man weiß noch nicht genau, was einfacher ist: einen flexiblen Rahmen zu finden oder auf den Mars zu fliegen…