Ist das Milch drin?
Ist da Ei drin?
Ist da Butter drin?
Ist da Gelatine drin?
Wurde das in Schweineschmalz gebraten?
Ist das ein echtes Steak vom Tier?
Gibt es die Schuhe auch in Kunstleder?
Ist das wiederverwendbare Bienenwachstuch auch ohne Bienenwachsbeschichtung?
Sind die Buntstifte auch komplett tierproduktfrei?
Die Seife?
Aus was besteht diese Vollmilchschokolade?
Diese und weitere Fragen würden in meinem veganen Jahr meine ständigen Begleiter sein.

In einem Land, in dem wir lebensmittelmäßig jederzeit alles und das im Überfluss kaufen können,  befinden wir uns in einer sehr privilegierten Position.

Hier wird so schnell niemand an Unterernährung sterben müssen, und das ist toll.
Man muss hier nichts essen, nur weil es zum Glück gerade da ist. Kein “gegessen wird, was auf den Tisch kommt”. Also… so im Großen gesprochen… Stattdessen sorgen wir dafür, dass der Lebensmittelmarkt immer voller und unübersichtlicher wird. Durch unser Essverhalten wecken wir neue Märkte, neue Märkte wecken neues Essverhalten. Alles kommt “on top”.
Ein neues Produkt rein, dafür ein anderes raus funktioniert nicht. Naja das klappt ja auch beim Kleiderschrank sortieren schon nicht. Statt Sojaschnitzel rein, Schweineschnitzel raus wird eher der gesamte Supermarkt umgebaut, um mehr Kühltheken unterbringen zu können.

Den klitzekleinen Hipsteranteil in mir sprechen diese neuen Produkte voll an.  Schickes Design, weltoffen, ein bisschen öko, aber ohne das leicht muffige mit Jutebeutel und Wollsocken in Birkenstocklatschen. Und dieses bisschen “Du willst doch auch dazugehören, oder? ODER?”

Für mein veganes Jahr würde ich mehr Geld ausgeben als für meine fleischhaltige Mischernährung der vergangenen Jahre.
“Neiiiin!” Das ist überhaupt nicht so! Pflanzliche Produkte sind so viel preiswerter als Fleisch!”
Jaha! Das wäre schön und logisch, immerhin ist beim Fleischprodukt der eine oder andere zusätzliche Weg notwendig.  Die Pflanze muss erst durch das Tier durch, bevor sie als Schnitzel auf meinem Teller landet oder als Milch aus der Kuh heraus kommt. Mal abgesehen davon, dass dieses Tier auch vorm panieren und braten geschlachtet und küchenfertig gemacht werden muss.

In Wirklichkeit würde ich für die veganen Ersatzprodukte genausoviel oder mehr Geld hinlegen wie für ein Schnitzel von einem Schwein, das sich fröhlich auf einem idyllischen Bauernhof um die Ecke im Dreck suhlen durfte, bevor es vom Dorfschlachter so stressfrei wie möglich erlegt wurde, um dann vom Metzger unseres Vertrauens bis auf die letzte Borste weiterverarbeitet zu werden.
Na gut…. so ein paar Teile werden vielleicht doch als Hundeleckerli enden, aber immerhin landen sie nicht im Müll.

Statt durch das Tier wandern nun die pflanzlichen Ausgangsprodukte durch mehrere Hightechmaschinen.

Ok, die waren auch teuer in Entwicklung und Anschaffung und sorgen dafür, dass aus Hafer jetzt etwas wird, das aussieht wie Milch. Sie machen aber offensichtlich nicht dasselbe mit der Pflanze wie die Kuh.
Geschmacklich trennen diese beiden weißen Flüssigkeiten Welten. Aber die Verpackung ist verdammt schick.
Verwirrend.

In meinem veganen Jahr

würde ich sämtliche Produkte, die irgendetwas tierisches enthalten verweigern.
Meine Freunde könnten sich noch so viel Mühe geben: Wenn in den Plätzchen Butter ist, werde ich sie nicht essen.
Wenn die Bratensoße zu den Kartoffeln aus der Zubereitung eines Bratens aus Tier statt aus Sojapulver stammt, werde ich sie nicht essen.
Stattdessen werde ich mein Glas “vegane Bratensoße wie von Oma” zücken, auch wenn Oma “vegan” und “Bratensoße” gedanklich nicht zusammenbringen können wird.

In meinem veganen Jahr würde ich mich auch nicht schämen, wenn ich die liebevoll zubereitete Hausmannskost ablehne, weil jemand die Zwiebeln für die Soße in guter Butter angeschwitzt hat und am Ende die für mich vorgesehene Portion in die Biotonne entsorgt.
Im Gegenteil: Ich hätte ein blütenreines Gewissen, weil meinetwegen kein Tier leiden musste, und mit meinem konsequenten Verhalten setzte ich ja wohl ein deutliches Statement. Ha!

In meinem veganen Jahr würde ich diejenige sein, die meiner Sitznachbarin auf dem Flug nach New York ihr vegetarisches Flugmenü anbietet, weil es Nudeln in Sahnesoße gibt . Und ich würde die als Dankeschön angebotenen Oliven dieser ahnungslosen Sitznachbarin ablehnen, weil diese mit Milchsäure konserviert wurden.
Beim letzten Flug war ich die mit den Oliven….
Es scheitert schon daran, dass ich weder nach New York noch sonstwo hin fliegen werde. Schade.

Keine tierischen Produkte mehr zu konsumieren macht die armen Schweine in den großen Mastanlagen nicht fröhlicher, auch die Kühe nicht, die mit prallvollen Eutern darauf warten, endlich gemolken zu werden.
Wer mal gestillt hat und mit prallgefüllten Milchbrüsten darauf wartete, dass sein Kind jetzt doch mal endlich wach würde, um die Liter Milch aus den Brüsten zu befreien, hat für immer Mitgefühl mit diesen Kühen.

Fröhlicher…

wird vorallem der Typ von der Rügenwalder Mühle, der jetzt neben grober und feiner Teewurst im Plastikbecher auch vegane grobe und feine Teewurst im Plastikbecher anbietet und so im Nullkommanichts seine Produktpalette verdoppeln konnte.
Was mit Teewurst geht, klappt eben auch mit Frikadellen, Leberwurst, Bratwurst und Schnitzel. Und weil die neue Produktpalette die geilere Verpackung bekommt, lege ich als Kunde selbstverständlich gerne ein paar Euro drauf. Man kauft schließlich auch ein Stück Lifestyle mit. Und wenn ich mir Liefestyle kaufe, sollen es auch alle anderen sehen! Dass der Nährwert bei beiden Varianten ungefähr gleich bescheiden ist, spielt dann auch keine Rolle.

Vielleicht wäre alles entspannter, wenn Fleischverzicht so funktionieren könnte wie “Ich mag keinen Rosenkohl!”

Man würde einfach auf Rosenkohl verzichten ohne dass jemand auf sein nächstes Produkt “garantiert ohne Rosenkohl” schreiben müsste. Und wäre doch irgendwo Rosenkohl drin, würde man dieses kleine Kohlköpfchen einfach von seinem Teller kullern lassen, möglichst ohne zuviel Aufmerksamkeit dabei auf sich zu lenken.
Und diejenigen, die sehr gerne Rosenkohl essen, würden vielleicht von sich aus ein paar weniger essen und nicht aus Trotz jetzt erst Recht zwei Kilo mehr verzehren, obwohl sie wissen, dass sie davon furchtbar pupsen müssen.

Ja, so wäre es entspannter, aber was sollte dann der Typ von der Rügenwalder Mühle als nächstes in seine Plastikbecher abfüllen…?