„Schade, dass das mit dem tanzen nicht geklappt hat!“

Ich stehe auf einem schmalen Laufsteg, unter meinen Füßen grüner Teppich. Meine Knie schmerzen beim Gedanken daran, wie meine Füße mit dem grünen Teppich verschmelzen, während mein Körper tanzend mit Schwung probiert, sich um die eigene Achse zu drehen.
Ja…schade, dass DAS nicht geklappt hat…

Gut, hätte ich das früher gewusst (zum Beispiel …früher als gestern!), dass man sich für eine Modenschau in den Räumlichkeiten des *hier eine teure Sportart nach Wahl einfügen* -Clubs (heute!) eine Tanzeinlage vorstellen könnte, ja, dann hätte ich natürlich eine spektakuläre Choreo vorbereiten können: Zwei Schritte vor…huch nee da ist ja schon die Bühne zuende, also zwei Schritte vor, OHNE Drehung!!!, dann Stagediving… irgendwie sowas… oder dann doch….
…Ententanz.
Stattdessen stehe ich hier auf dem grünen Teppich, mehr oder weniger bereit, aus lauter Blödheit und der mangelnden Fähigkeit „Nein!!!“ zu sagen, statt zu tanzen einen schmunzeligen Text vom letzten Poetry Slam vorzutragen.

Irgendwas sagt mir, dass ich gerade in einem Paralleluniversum gelandet bin. Hätte ich damals in Mathe besser aufgeapasst und wäre mir bewusst gewesen, wie wichtig Physik einmal in meinem Alltag sein würde, könnte ich das bestimmt anhand von Naturgesetzen erklären, hätte es vielleicht sogar verhindern können.

Immerhin reichen meine mathematischen Fähigkeiten heute solide dafür aus, in meinem Beruf als Tanzlehrerin im Tempo der Musik bis acht zu zählen und mein physikalisches Verständnis, um auf einen Blick zu erfassen, dass die Kombination Fuß-Teppich zuviel Haftung bietet als dass sie sich zum tanzen anbieten würde.

Wie kam ich bloß in dieses Paralleluniversum?

Die Schleuse dorthin muss ein Friseursalon sein, einer ausschließlich für voluminöse Helmfrisuren in Blondtönen, vielleicht noch in einem frischen Birgit-Schrowange-Grau. Die Haare werden zu Strähnen gruppiert, welche jeweils in einem bestimmten Winkel in die entsprechenden Himmelsrichtungen ausgerichtet und unwiederbringlich fixiert werden…..
Irgendwas mit Statik oder Antennenfunktion vermutlich…. wie gesagt… das mit der Physik… Keine Ahnung!

Die magischen Worte „Das sieht aber RICHTIG FLOTT aus!“ lassen die Damen nun wahrscheinlich durch eine Art schwarzes Loch geradewegs hierhin flutschen.
Ein kleines Wunder also, vielleicht auch einfach ein Versehen, dass ausgerechnet ich hier nun stehe…. auf dem grünen Teppich, in der einen Hand ein Mikrofon, in der anderen Hand meinen Text.

Überall um den Laufsteg sitzen Helmträgerinnen, ich fühle mich wie im Zirkus, mitten in der Manege, aber im Zirkus gibt es wenigstens noch ein offizielles „hinten“.
Vielleicht fühle ich mich auch wie im Kolosseum, kurz bevor die Löwen losgelassen werden.

Hier gibt es auf jeden Fall nur mich und mich von allen Seiten umgebendes Paralleluniversum.

Ich beginne meinen Vortrag und entscheide mich trotz oder wegen der Manegensituation für die Variante „überall mal hin lesen“.
Es muss ziemlich bescheuert aussehen, wie ich mich da auf dem Laufsteg drehe mit dem Mikrofon in der einen, dem Text in der anderen Hand.

Ich freue mich, dass es ein Funkmikro ist…

Irgendwann bin ich kurz davor, aus dem grünen Teppich einen kotzgrünen Teppich zu machen.
„Du musst dich weniger drehen!“ flüstert mir meine innere Stimme zu.

Das Kotzgefühl bleibt.

Ich sehe die Helmträgerinnen, und schlagartig wird mir klar, dass diese Helme wie Panzer sind.
Die von mir ausgestrahlte Wellenlänge wird einfach blockiert- feindliche Wellenabwehrfunktion.
Gleichzeitig wird mir bewusst, dass so ein kalter mächtiger uniformer Panzer selber auch nichts ausstrahlen kann, was sich irgendwie positiv, zugeneigt oder warmherzig anfühlt.
Ob soetwas vielleicht doch hinter der massiven Oberfläche steckt, drüber lässt sich nur spekulieren.

Meine Füße verschmelzen mit dem grünen Teppich- Bodenhaftung!
Dies und die Erkenntnis der inkompatiblen Wellenlängen lassen mich wieder etwas entspannen.

Noch einmal denke ich
„Hätteste mal besser aufgepasst… in Physik… als es um Wellen ging.“…. oder einfach NEIN! gesagt.

Aber wieder was gelernt:
Paralleluniversen, in denen ich es mit behelmten Wellenabwehrpanzern zu tun bekomme, werde ich in Zukunft meiden.
Physikalisch betrachtet… stimmt da einfach die Chemie nicht.