Ich bin ja manchmal voll bereit, ein besserer Mensch zu werden, zumindest ansatzweise.
An solchen Tagen nehme ich meinen Thermokaffeebecher mit, wenn ich irgendwo hin möchte, damit ich mir mit einem super Gewissen einen überteuerten Kaffee ohne Pappbecherchen und Plastikdeckel für zum mitehmen holen kann. Auf jeden Fall fühle ich mich dann so richtig ökologisch wertvoll, und wenn ich es richtig übertreibe, kaufe ich unseren 1,5% Fett Naturjoghurt nicht für 49,- Cent im 500g Plastikbecher, sondern für gut das doppelte im Schraubglas.

Und irgendwann stehe ich vorm Chipsregal und sehe mich schon nach dieser einen Tüte Chips greifen: ökobraunes Beutelchen, das aussieht, als hätten die 12 Kinder des Bauern an kalten Winterabenden jedes einzelne aus recyceltem Packpapier bei Kerzenschein von eigenen Bienenwachskerzen selbst mit Kleister zusammengebaut und dann mit veganem Wachsmaler liebevoll bemalt. Die Kartoffeln wurden in Handarbeit von gutgelaunten Erntehelfern mit Strohhüten oder karierten Kopftüchern geerntet und mit der uralten Handreibe in Chipsformat gehobelt, bevor sie von der Bäuerin nach überliefertem Familienrezept fein abgeschmeckt und Blech für Blech im Holzofen geröstet werden. Und weil man so toll verpackte Chips auch erst gar nicht in eine Schüssel umfüllt, sind sie auch noch äußerst umweltverträglich, denn die Chipsschüsselspülerei entfällt. Wenn ich diese Chips kaufe, spare ich also mit jedem Beutel sicherlich fünf Liter Wasser! Diese Chips sind so gesund, nachhaltig und wertvoll, warum liegen die eigentlich nicht in der Gemüseabteilung? Natürlich gebe ich dafür gerne 8 Euro aus! ….

Hä? Haltstopmomentmal!!! Warum habe ich manchmmal das Gefühl, dass „ökologisch wertvoll“ auf der einen Seite natürlich sinnvoll und auf lange Sicht notwendig, auf der anderen Seite aber auch einfach eine hippe Lifestyle-Erscheinung ist?

Ich kann nicht glauben, dass Menschen den Inhalt ihrer Plastikschüsselschublade (Tupperware, 30 Jahre Garantie, geht im Leben nicht kaputt, auch wenn man das Design oder die einst so moderne Farbe (aubergine) nicht mehr so pralle findet) zugunsten von schicken Glasflaschen und Edelstahlbrotdosen aus ihrem Leben verbannen, in der nächten Gelber-Sack-Woche dem Plastikmüll zuführen und ernsthaft glauben, sie hätten jetzt aber einen riesengroßen Schritt in Richtung eines nachhaltigen Lebens gemacht. Sie entrümpeln ihr Leben nach Marie Kondo und entsorgen Dinge, die noch voll funktionsfähig sind, und zwar „weil es keine Glücksgefühle versprüht“!

Und dann denke ich an den Keller meines Schwiegervaters, der jedes Schräubchen irgendwo im Glas sammelt, jedes Drähtchen an die Seite legt, bei dem sich Bretter aus alten Regalen stapeln, und der tatsächlich nur in seltenen Fällen mal irgendwas kaufen mag oder muss, wenn es eben nicht „noch da“ und „noch gut“ ist. Der diese Dinge sammelt, weil sie ihm zu schade sind wegzuwerfen, weil sie noch brauchbar sind, noch wertvoll sind. Ob sie Glücksgefühle versprühen, weiß ich grad´ nicht, aber diese Frage würde den fleißigen Sammler wahrscheinlich eher ratlos machen.

Eine Etage höher in der Küche sind übrigens auch noch die Tupperschüsseln im Einsatz- in unterwäschepastellfarben, sehen bei Insta nicht ganz so schick aus, erfüllen ihren Zweck aber trotzdem ganz prima- als Chipsschüssel zum Beispiel.
Und dann weiß ich, dass es uns doch ganzschön gut geht.