Der Teebeutel aus meinem Teebeuteladventskalender heißt “innere Kraft”… und reiht sich damit ein in die unzähligen vielversprechenden Teenamen aus den Teeregalen der Super- und Drogeriemärkte.
Wahrscheinlich klingt es besser als “Kräutertee mit Ingweranteil” und jede andere Komposition beliebiger Teebestandteile.

Früher gab es Pfefferminz, Hagebutte, Kamille und schwarzen Tee.

Wer sehr fancy war, hatte vielleicht auch schon einen Früchtetee im Schrank. Wir nicht, aber ich erinnere mich an eine Familie, die Apfeltee zuhause hatte… verrückt!
Alles im schlichten Beutel in sehr schmalen Pappschächtelchen.  Ohne separates Kuvert um jeden einzelnen Teebeutel. Als Kind knallte man sich eh einen großen Haufen Zucker oder Honig in sein aufgebrühtes Heißgetränk, da tat es so ein einfaches Teebeutelchen allemal.
Erstaunlich finde ich rückblickend, dass auch der “rote Tee” im Kindergarten im wesentlichen Hagebuttentee mit viel Zucker war. Logisch, dass mit dem Tee auch direkt die Fluoridtabletten gegen Karies ans Kind gebracht wurden. Naja, früher wollte man uns auch noch ernsthaft weismachen, dass Milchschnitte ein prima wertvoller Pausensnack und Milky Way “so leicht, der schwimmt sogar in Milch” ist.  Hat das übrigens je jemand ausprobiert?

Heute stehe ich vor dem Teeregal und kaufe leere Versprechungen mit Kräuterteegeschmack.

Die Versprechungen wiederum passen voll zum heutigen Lifestyle zwischen Wellness, Selbstfindung und Aromaöl. Und was viel verspricht, darf auch drei- bis zehnmal soviel kosten. So ein Tee muss schon was können, dabei aber bitte etwas ansprechender klingen als “Blasen- und Nierentee”
Statt Himbeer-Vanille-Tee kauft man “heiße Liebe”. Die Kräuterteemischung ist mindestens eine “Kräutersymphonie”, und der Tee mit Süßholzanteil ist sogar ein “Glücksbote”. Er kommt aber bei weitem nicht an die glückbringende Wirkung eines Riegels Schokolade ran. Gut, dafür hat er auch null Kalorien.

Es gilt: Je mehr der Tee verspricht, desto aufwändiger die Verpackung, und um dem ganzen einen viel wertigeren Anstrich zu geben, schrickt man hier noch nicht einmal davor zurück, den Tee in ein überdimensioniertes Plastiknetzsäckchen zu packen. Dasselbe Material aus dem das Tuch war, das sich Omma nachts um die Lockenwickler gebunden hatte, vermute ich. Allerdings ist es nicht hellblau….  Willkommen im Zeitalter der künstlichen Nachhaltigkeit, in dem man nichtmal mehr seinen Teebeutel ohne weiteres in den Biomüll entsorgen kann.
Mein Lieblingsanbieter ist zu diesem Thema aber der exklusive Online Müslimischer, der seine Kreationen in Einzelportionen verpackt zum Kauf anbietet und dazu den wiederverwertbaren to-go-Müslibecher als nachhaltiges Give-away verschenkt, damit unterwegs niemand sieht, welche Verpackungsflut um diese eine Portion Anna- und Elsa-Müsli gebaut war…Vermute ich mal.

Das Teeregal ist wie ein Instagram der Heißgetränke.

Wer es gut versteht, sogar Kamillentee so zu peppen, dass er seinen Porzellankännchen-im-Krankenhaus-Charakter verliert und stattdessen egal was, Hauptsache viel verspricht, springt erstmal ins Auge und macht sich attraktiv.
Ja, “Camomille Fusion feel good and relax” schmeckt schon in der Vorstellung weniger nach Zwieback und Salzstangen, auch wenn es in der Tasse genauso riecht und man kurz überlegt, ob man nun sein Gesicht in den heißen Dampf halten und danach seine Mitesser ausdrücken oder das Gebräu wirklich trinken soll.

Aber wenn “feel good” drauf steht, soll es mir verdammt nochmal auch gut gehen, und dann trinke ich eben diesen Kamillentee. Notfalls mit der Kindergartenteemenge Zucker.
Rätselhaft ist mir an dieser Stelle nach wie vor, wie das mit Himbeer-Vanille-Tee und der heißen Liebe funktionieren soll…